Part 2 zur Abnehmspritze: Krebs oder Entzündung möglich?
Liebe Leserinnen und Leser,
nachdem wir letzte Woche GLP1RA (Agonisten des GLP-1 Rezeptors) hinsichtlich Knochenschwund beleuchtet haben, konzentrieren wir uns heute auf die Bauchspeicheldrüse (Pankreas).
Kaum eine Nebenwirkung begleitet GLP-1-Rezeptoragonisten so hartnäckig wie die Sorge vor Pankreatitis und Pankreaskarzinom. Der Verdacht verdient Respekt – aber ebenso eine nüchterne Betrachtung der Größenordnung.
Akute Pankreatitiden sind unter Semaglutid beschrieben und stehen weiterhin ausdrücklich in den Warnhinweisen. In den randomisierten Gewichtsreduktionsstudien des aktuellen Wegovy-Dossiers wurden vier bestätigte Pankreatitiden unter Semaglutid gegenüber einer unter Placebo beobachtet – entsprechend ungefähr 0,2 versus <0,1 Ereignissen pro 100 Patientenjahre. Selten also, aber nicht theoretisch. Bei typischen anhaltenden Oberbauchschmerzen muss das Medikament pausiert und eine Pankreatitis abgeklärt werden.
Interessant ist dabei ein Detail: Unter Semaglutid steigt die Lipase im Mittel deutlich an – in den Zulassungsdaten etwa 39 %. Eine asymptomatische Lipaseerhöhung allein beweist deshalb keine Pankreatitis!
Und das Karzinom?
Hier ist die Datenlage wesentlich beruhigender. Bereits in der SUSTAIN-6 Studie trat ein Pankreaskarzinom unter Semaglutid bei einem Patienten, unter Placebo bei vier Patienten auf. Diese Zahlen sind selbstverständlich viel zu klein, um einen Schutz zu behaupten – sie liefern aber auch kein überzeugendes Karzinomsignal. Was klinisch leichter übersehen wird: GLP-1-Therapie erhöht das Risiko für Cholelithiasis und Cholezystitis; Gallensteine wiederum sind selbst eine klassische Ursache der akuten Pankreatitis.
Mein persönliches Fazit:
Das Pankreasrisiko sollte man ernst nehmen, aber nicht aufblasen. Eine frühere Pankreatitis verlangt individuelle Zurückhaltung; neue typische Schmerzen verlangen Diagnostik. Ein überzeugender Nachweis, dass Semaglutid Pankreaskarzinome verursacht, existiert dagegen bislang nicht. Wachsamkeit ja. Pankreas-Panik nein.
Literatur:
Marso SP et al. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42201709/ (NEJM aus 2016; Pankreaskarzinom 1 unter Semaglutid vs. 4 unter Placebo)
Masson W et al. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38555109/ (Metaanalyse aus 2024 ohne sign. Anstieg Pankreatitiden vs. Placebo)
Herzlichst,
Ihr
Amir Nia