Pelacarsen gegen Lp(a): Kosmetikum oder Therapeutikum?
Liebe Leserinnen und Leser,
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist kein exotischer Laborwert, sondern wahrscheinlich einer der am häufigsten übersehenen erblichen Risikofaktoren in der Kardiologie. Das Partikel ähnelt LDL, trägt zusätzlich aber Apolipoprotein(a) und vereint damit atherogene, entzündliche und thrombotische Eigenschaften. Seine Konzentration ist zu rund 90 Prozent genetisch festgelegt; Ernährung und Sport verändern sie kaum. Etwa jeder 5.te Mensch hat erhöhte Werte. Besonders relevant ist Lp(a) für vorzeitige Atherosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall und die kalzifizierende Aortenklappenstenose. Ab etwa 50 mg/dl bzw. 105 nmol/l gilt Lp(a) heute als kardiovaskulärer Risikoverstärker. Wer ihn nicht misst, übersieht bei manchen Patienten einen wesentlichen Teil der individuellen biologischen Gefäßprädisposition.
Pelacarsen sollte genau dort ansetzen. Das Antisense-Oligonukleotid (ASO) hemmt in der Leber gezielt die Bildung von Apolipoprotein(a) und damit Lp(a) an seiner Quelle. Ein ASO ist ein künstlich hergestellter DNA- oder RNA-Baustein, der sich gezielt an eine bestimmte Erbinformation im Körper heftet, um die Herstellung eines krankmachenden Proteins/Enzyms zu blockieren. So ist in Phase II dosisabhängig die Senkungen von Lp(a) durch Pelacarsen bis etwa 80 Prozent möglich – ein spektakulärer Biomarkereffekt.
Für meine Patienten in der Privatpraxis bedeutet das: Ein erhöhtes Lp(a) bleibt ein wichtiger Hinweis darauf, wie konsequent wir LDL, Blutdruck, Nikotinverzicht und das gesamte Gefäßrisiko behandeln müssen. Deshalb gehört Lp(a) aus meiner Sicht mindestens einmal im Erwachsenenleben gemessen – genau dies empfehlen inzwischen auch die europäischen Leitlinien; so auch ich.
Und nun kommt die Ernüchterung:
In der Lp(a) HORIZON Studie wurden 8.323 Patienten mit etablierter kardiovaskulärer Erkrankung und Lp(a) ≥70 mg/dl randomisiert. Pelacarsen senkte Lp(a) sehr deutlich, reduzierte aber den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall und dringlicher Revaskularisation nicht signifikant. Der primäre Endpunkt wurde damit verfehlt!
Mein persönliches Fazit:
Pelacarsen hat den Laborwert getroffen, aber bislang nicht den klaren Nutzen für Patienten.
Damit ist Lp(a) nicht widerlegt – genetische und epidemiologische Evidenz bleiben stark. Aber HORIZON erinnert uns an eine alte Regel der Medizin, dass ein plausibler Biomarker noch kein bewiesenes Therapieziel ist. Entscheidend werden nun die vollständigen Daten, Subgruppen und die Frage sein, ob frühere, tiefere oder andersartige Lp(a)-Senkungen klinisch erfolgreicher sind.
Literatur:
https://www.novartis.com/news/media-releases/novartis-announces-lpahorizon-phase-iii-topline-results-pelacarsen-patients-elevated-lpa-and-established-cardiovascular-disease-cvd (Announcement von Novartis am 4.9.2026)
https://eas-society.org/publications/guidelines/2025-focused-update-of-the-2019-esc-eas-guidelines-for-the-management-of-dyslipidaemias/?utm_source=chatgpt.com (ESC Fokus on Dyslipidemia 2025)
Herzlichst,
Ihr
Amir Nia