Macht eine individualisierte Herzvorsorge in der “Blüte des Lebens” Sinn?
Liebe Leserinnen und Leser,
Beruf, Familie, Termine: Zwischen dem 30. und 60.Lebensjahr funktioniert der Mensch meist tadellos; zumindest nach außen und wenn es nach Friedrich Merz geht. Themen wie Bluthochdruck, erhöhte Fettwerte/Lipoproteine oder beginnende Gefäßveränderungen machen selten Lärm. Sammelt man aber womöglich leise Blutdruck- und Lipidjahre, bis aus einem Risiko ein Ereignis wird. Ähnlich wie bei Rauchern?
Ein kardiovaskulärer Check-up ist weder eine TÜV-Plakette noch diagnostisches Feuerwerk. Pauschales Massenscreening kann fehlgeleitete Überdiagnostik, Verunsicherung und unnötige Untersuchungen erzeugen! Die DANCAVAS zeigte erst vor Kurzem auf, dass keine eindeutige Senkung der Gesamtsterblichkeit mit einem flächendeckenden Präscreening zu erzielen ist. Entscheidend ist also nicht „Alles bei Jedem“, sondern vielmehr das Richtige beim Richtigen.
Die ESC (europäische Kardiologen-Gesellschaft) und ACC/AHA (das amerikanische Pendant zur ESC) empfehlen eine strukturierte Risikobewertung anhand von Blutdruck, Lipiden, Diabetes- und Nierenparametern, Rauchstatus, Familiengeschichte und individuellen Risikomodifikatoren (auch entzündliche Komponenten). Bei unklarer/ungeklärter Risikolage können Lipoprotein (a), Gefäßultraschall oder ein Koronar-CT die Entscheidung präzisieren. Aber nicht allein aus Neugier als wäre man ein Biokacking-Guru, sondern mit echter therapeutisch-präventiver Konsequenz. (escardio.org)
So wird aus dem 42-jährigen Manager mit „etwas Stress“ ein Patient mit behandelbarer Hypertonie; aus der sportlichen 36-Jährigen mit familiären Frühinfarkten eine Frau mit genetischem Lipidrisiko. Aus dem handwerklichen Kleinunternehmer mit Verantwortung für seine Beschäftigten ein “Schnarcher” mit nächtlichen Rhythmusstörungen. Jedoch kann allein die LDL-Senkung vaskuläre Ereignisse um etwa ein 20% je 1 mmol/l (ca. 39mg/dl) reduzieren, intensive Blutdruckkontrolle schützt ausgewählte Hochrisikopatienten zusätzlich und eine frühzeitig erkannte Schlaf-Apnoe Störung Schlaganfälle verhindern.
Mein persönliches Fazit:
Blutdruck gelegentlich zu Hause zu messen, LDL einmal in der Dekade und Lipoprotein(a) mindestens einmal im Leben bestimmen zu lassen, kann helfen sich selbst besser zu verstehen.
Gute, individualisierte Prävention sucht keine Krankheiten! Sie erkennt jene Risiken, deren Veränderung einem Menschen gesunde Jahre schenken kann.
Literatur:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36027560/ (dänische Studie im NEJM 2022 publiziert)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21067804/ (britische Meta-Analyse im Lancet 2010 publiziert von der CTT-Kollaboration)
Herzlichst,
Ihr
Amir Nia