Kalzium-Applikation bei Hyperkaliämie: What to Do in 2026?
Die Frage
Die Debatte ist nicht: „Hat Ca2+ einen Stellenwert?“ Den hat es; auch zu meiner Überraschung. Die bessere
Frage lautet jedoch: Wofür genau? Kalzium ist bei Hyperkaliämie kein Putztrupp für das Serumkalium,
sondern ein Bodyguard fürs Myokard. Wer es Allen und sofort gibt, verwechselt Schutz mit Therapie. Wer
es nur für den Herzstillstand aufhebt (bis dato einer wie ich), kommt oft zu spät.
https://kdigo.org/wp-content/uploads/2018/04/KDIGO-Acute-Hyperkalemia-conf-report-FINAL.pdf
Dr. Gregor Lidner et al. In European Journal of Emergency Medicine 2020, Vol 27 No 5
Der Gedanke
Hyperkaliämie tötet nicht primär durch die Zahl im Labor (6, 7 oder 8…), sondern durch ihre elektrische
Wirkung am Herzen. Genau dort setzt Ca2+ an: Es stabilisiert die kardiale Erregungsleitung rasch, senkt aber
das Kalium kaum. Das ist der entscheidende Denkfehler vieler Diskussionen. Kalzium behandelt die Gefahr,
nicht die Ursache. Die Ursache behandeln in unterschiedlicher Ausprägung Insulin/Glukose, Beta-
Agonisten, enterale/renale Elimination oder Dialyse.
https://kdigo.org/wp-content/uploads/2018/04/KDIGO-Potassium-Management-corrected-proof.pdf
Dr. Catherine M. Clase in Kidney International (2019)
Mein Mindswitch: Wann gehört Ca2+ zur Therapie?
Leitliniennah gehört IV-Kalzium vor allem dorthin, wo die Hyperkaliämie vital-bedrohliche EKG-
Veränderungen macht: breite QRS-Komplexe, Bradykardie, fehlende P-Wellen, sine-wave-Muster,
ventrikuläre Rhythmusstörungen etc.; die UKKA nennt auch spitze T-Wellen. Genau deshalb ist die Formel
„jeder mit hohem Kalium braucht zügig Kalzium“ eher falsch.
Dr. Annette Alfonzo für die United Kingdom Kidney Association in 2023 (UKKA)
Warum ich meine restriktive Position zu Ca2+ bei Hyperkaliämie korrigieren muss
Mein Grundimpuls bisher war: Ca2+ nicht als reflexhafte Standardgabe, sondern eher im Rahmen einer CPR.
Korrigieren muss ich nach ausführlicher Literaturrecherche aber den letzten Teil:
Kalzium ist nicht erst etwas für Reanimationen oder als „letzte Instanz“, sondern sein Impact beginnt
schon vor dem Kreislaufstillstand, nämlich dann, wenn das Herz elektrophysiologisch zu kippen beginnt.
Anders gesagt: nicht erst im Finale, sondern schon, wenn das Orchester hörbar falschspielt.
Meine ehrlich-praktikable Ausrichtung (siehe auch Flowchart unten)
Das EKG ist dabei hilfreich, aber kein Orakel. Schwere Hyperkaliämien können elektrokardiographisch
erstaunlich blass aussehen. Trotzdem leiten KDIGO und UKKA aus diesem Problem keine pauschale
Kalziumgabe für alle ab! Hinzu kommt: Die klinische Evidenz für harte Endpunkte ist wie bereits mit
Kolleginnen dezidiert besprochen sehr dünn; viel beruht auf Physiologie, Erfahrung und Konsens.
https://kdigo.org/wp-content/uploads/2018/04/4.-Rossignol-KDIGO-acute-HK_public.pdf
Prof. Patrick Rossignol von der Université de Lorraine in Nancy 2025
Fazit und Alltag
Die elegante Linie für mich hier lautet hier ab sofort: Kalzium manchmal ja – aber weiter gezielt. Nicht
als Begrüßungsritual für jeden Kaliumwert, sondern als rascher „Herzschutz“ bei elektrischer Bedrohung!
Dass die elektrische Relevanz von Kaliumverschiebungen keineswegs akademisch ist, sondern klinisch sehr
real, zeigt im Übrigen auch der Fallbericht Drunk potassium channels aus Europace (Nia AM et al. 2011):
schon vergleichsweise banale Auslöser können bei entsprechender Konstellation zu bemerkenswerten
arrhythmogenen Entgleisungen führen.